Einschüchterungen und Drohungen

Seit Veröffentlichung der Freiburger Deklaration kommt es immer wieder vor, dass Unterzeichner der Deklaration massiven Drohungen ausgesetzt sind.
Sinn und Zweck dieser Drohungen ist es, die Stimmen der liberalen und säkularen Muslime zum Schweigen zu bringen. Dies wird auch in Mails konkret gefordert.
Diese Drohungen und Einschüchterungen sind uns jedoch ein Ansporn, weiterzumachen und uns offen und angstfrei für einen aufgeklärten Islam einzusetzen.
Eine funktionierende Zivilgesellschaft erkennt man daran, dass sie Pluralismus, Meinungsvielfalt und Kritik akzeptiert und fördert.
Der konstruktive Dialog muss das Ziel sein und nicht die Selbstzensur.

Mimoun Azizi zur Problematik mit den konservativ-islamischen Dachverbänden und andere Probleme der Integration

Der deutsche Staat hat in der Ausländerpolitik lange undifferenziert gehandelt. Als man nach den sechziger und siebziger Jahren gemerkt hat, dass die muslimischen Einwanderer hier bleiben und Familien gründen, hat man für die Integration nach muslimischen Ansprechpartnern gesucht. Weil die Mehrheit der Muslime in Deutschland türkischer Abstammung ist, stieß man auf die Ditib. Nur hat man unterschätzt, dass sich die Ditib auch verändert, wenn sich die politischen Verhältnisse in der Türkei ändern. Man hätte auch den ZdM stärker unter die Lupe nehmen und erkennen müssen, dass die Grauen Wölfe, also türkische Nationalisten, und die Muslimbruderschaft dort ­organisiert sind. Die deutsche Politik muss sich fragen, ob es richtig ist, dass diese Verbände, die weniger als 20 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime repräsentieren, für die gesamte Community sprechen dürfen. Warum ist es in Ordnung, dass ich als deutscher Muslim von einer Organisation repräsentiert werde, die von der Türkei aus gesteuert wird?
Die Verbände schaffen mit ihrer Intransparenz mehr Probleme als Lösungen. Dadurch erscheint insgesamt der Islam in Deutschland als gefährlich und es entsteht der Eindruck, dass alle Muslime etwas verheimlichen. Die Verbände schaden dem Islam an sich, und das ist das Tragische. Ich bin selbst Muslim und ich bezeichne andere nicht als Ungläubige. Ich teile nicht die Meinung, dass Homosexuelle unislamisch sind. Ich habe den anderen zu würdigen, alles andere muss Gott alleine entscheiden. Wenn ich mir aber zu entscheiden anmaße, wer ein Ungläubiger ist und wer nicht, dann kann ich doch nicht als Ansprechpartner der Bundesregierung fungieren. Ich halte es aber nicht für unmöglich, dass die deutsche Politik erkennt, dass sie den falschen Weg eingeschlagen hat.

Siehe dazu auch dieses Video: Mimoun Azizi zur Problematik mit den konservativ-islamischen Dachverbänden

Stellungnahme zum Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin

Wir trauern um die Menschen, die bei dem brutalen Anschlag in Berlin aus dem Leben gerissen wurden oder verletzt wurden. Unser ganzes Mitgefühl gehört den Angehörigen und Freunden der Opfer.
Gerne möchten wir dem Hass der Täter Liebe und Mitgefühl entgegensetzen.
Wir, die säkularen Muslime, lehnen Gewalt ab. Wir verurteilen diesen Anschlag aufs Schärfste und stehen ganz eindeutig auf der Seite derer, denen Unrecht getan wurde.
Eine friedliche Gesellschaft kann nur über friedliche Mittel erreicht werden.
Wir möchten unseren Teil dazu beitragen und sprechen uns klar und deutlich für einen zeitgemäßen, humanistisch ausgerichteten Islam aus, einen Islam, dem keine Menschen zum Opfer fallen, sondern einen Islam, der Leben schützt und echten Frieden anstrebt.

Stellungnahme zum Verbot der Gruppe „Die wahre Religion“

Die Säkularen Muslime befürworten das Verbot der salafistischen Gruppe „Die wahre Religion“, die in jüngster Zeit vor allem durch die Koranverteilaktion „LIES“ und Patrouillengänge der selbst ernannten Sharia Police durch deutsche Großstädte auf sich aufmerksam machte.
Wir stehen ganz klar für Demokratie und Menschenrechte ein und lehnen Organisationen und Gruppen, die einen politischen Islam propagieren, entschieden ab.

Die Gruppe „Die wahre Religion“ bekennt sich offen zu Extremismus, Dschihadismus und verfassungsfeindlichen Positionen. Ein Verbot dieser Gruppe war längst überfällig. Zu viele junge Menschen wurden von ihr als Kämpfer rekrutiert und in die Kriegsgebiete des Nahen Ostens geschickt. So ein Vorgehen muss zwingend unterbunden werden.
Ein friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster Überzeugungen kann nur auf der Grundlage der durch die Verfassung gewährten Grundrechte gelingen.

Die Diskriminierung Andersgläubiger, die Benachteiligung von Frauen, die Verteufelung von selbstbestimmter Sexualität, die Verharmlosung bzw. Idealisierung von Gewalt und eine auf Zwängen und Vorschriften basierende Lebensweise wie sie von Salafisten gefordert wird, steht der Integration der Muslime und dem sozialen Frieden entgegen und ist stellenweise auch nicht mehr durch die Religionsfreiheit gedeckt.

Im Kampf gegen extremistische und salafistische Strömungen sind Aufklärung und Prävention die Mittel der Wahl. Säkulare und liberale Muslime sind hier wichtige Ansprechpartner. Sie scheuen sich nicht, notwendige innerislamische Diskussionen zu führen, die eigenen Dogmen und religiösen Vorstellungen kritisch zu hinterfragen und Alternativen aufzuzeigen, die besonders jungen Menschen helfen können, ihren Platz in dieser Gesellschaft zu finden.

Offener Brief an den Innenminister Thomas de Maizière

Sehr geehrter Herr Minister,
es ist bekannt geworden, dass eine Pressemitteilung des Ministeriums für Inneres zur Debatte über muslimisches Leben in Deutschland, die am 24.10. veröffentlicht wurde, zuvor auf Druck der islamischen Verbände umgeschrieben wurde.
Sie als Innenminister hatten in der ursprünglichen Fassung die Verbände eindrücklich dazu aufgefordert, sich aktiver an Diskussionen über das muslimische Leben zu beteiligen, und mit Blick auf den türkischen Verband Ditib eine innerislamische Debatte und eine vom Ausland unbeeinflusste Mitgliedsstruktur gefordert.
Stattdessen wurde auf Wunsch der Verbände folgender Passus eingefügt:
„Wir brauchen die Verbände, wenn es darum geht, jungen Muslimen Orientierung zu geben, und begrüßen, dass sie sich für die Deutungshoheit über den Islam einsetzen.“

Mit solchen Kompromissen wird die Bundesregierung das Vertrauen der Muslime langfristig verlieren.
Die Bundesregierung arbeitet auf diese Art und Weise reaktionären und islamistischen Verbänden, die vom Ausland gesteuert werden und Gruppierungen und Mitglieder beherbergen, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden, zu und überlässt ihnen ganz offiziell die Deutungshoheit über den Islam in Deutschland. Sie übergeht dabei die säkularen und aufgeklärten Muslime, die die Mehrheit der Muslime in Deutschland stellen und von den konservativen Verbänden nicht vertreten werden wollen.
Lassen Sie es uns ganz deutlich sagen: Wir haben kein Vertrauen zu den muslimischen Verbänden und wehren uns ausdrücklich dagegen, dass diese in unserem Namen Beschlüsse durchbringen, die das Leben der Muslime in Deutschland nachhaltig verändern werden.

Wenn die deutsche Regierung den Kurs der konservativen Verbände weiterhin unterstützt, macht sie sich mitverantwortlich für eine Entfremdung der Muslime und ein Scheitern der Integration.
Die Konflikte innerhalb der muslimischen Gemeinschaft werden zunehmen und die Ängste innerhalb der Mehrheitsgesellschaft werden sich verstärken. Das ist unsere ernüchternde Prognose.
Die Verbände sind türkisch dominiert und repräsentieren nur einen Teil der Muslime in Deutschland. Sie sind nationalistisch und bauen keine Brücken. Ganz im Gegenteil. Es werden Ressentiments und Hass gegenüber Kurden, Aleviten und anderen Gruppen gepflegt und verstärkt.

Ein ganz wichtiges Thema nimmt der islamische Religionsunterricht ein. Hier können Weichen für die Zukunft gestellt werden. Wenn die zukünftigen Generationen von Muslimen sich klar zu Demokratie, Menschenrechten und Aufklärung bekennen sollen, dann müssen die Curricula schon heute dementsprechend konzipiert werden. Wir bezweifeln ganz stark, dass dies in Kooperation mit der IGMG, der Ditib und dem ZMD möglich ist.
Die Einbindung von säkularen aufgeklärten dem deutschen Staat und der deutschen Gesellschaft zugehörig fühlenden Muslimen ist keine Forderung, die zur Diskussion steht. Sie ist ein Muss!

Die Deutungshoheit über den Islam in Deutschland nicht einzelnen Verbänden überlassen

Stellungnahme der Säkularen Muslime zur Pressemitteilung des Bundesministeriums des Inneren (BMI) vom 24.10.2016

Angesichts des wachsenden rechtsmotivierten Fremden- und Islamhasses und daraus resultierender Gewalttaten auf der einen Seite und extremistischer islamistischer Gewalt auf der anderen Seite sehen wir die dringende Notwendigkeit für eine offene und kritische gesellschaftliche Debatte.
Die Bemühungen seitens des Staates, die Muslime im Rahmen der Deutschen Islamkonferenz bei der Lösung sicherheitsrelevanter Fragen einzubinden, unterstützen wir.
Wir möchten aber an dieser Stelle unser großes Bedauern darüber zum Ausdruck bringen, dass der Staat diese Fragen mit muslimischen Partnern bespricht, die in jüngster Zeit ins Kreuzfeuer der Kritik geraten sind.

Zur Erinnerung:
Die Türkisch-Islamische Union Ditib hat die Integrationsbeauftragte und SPD-Politikerin Aydan Özoğuz kurzfristig vom Fastenbrechen ausgeladen, nachdem sie für die Armenien-Resolution gestimmt hatte.
In der Türkei wurde im Auftrag der türkischen Religionsbehörde Diyanet, der die Ditib direkt unterstellt ist, ein Comic für Kinder veröffentlicht, das den Märtyrertod verherrlicht.
Im Jahr 2013 veröffentlichte der Koordinationsrat der Muslime (KRM), zu dessen Mitgliedern die Ditib, der Zentralrat der Muslime in Deutschland und der Islamrat gehören, ein Gutachten, in dem die Universität Münster aufgefordert wird, Schritte zur Absetzung eines Professors für islamische Religionspädagogik, der für seine reformtheologischen Ansätze bekannt ist, einzuleiten.
Mehrere Moscheegemeinden der Ditib machten durch antisemitische und homophobe Äußerungen auf sich aufmerksam.
Die Verflechtungen der muslimischen Verbände mit Staaten und Gruppen aus dem islamischen Raum machen deutlich, dass über die Verbände Einfluss von außerhalb Deutschlands auf die Gestaltung des muslimischen Lebens in Deutschland genommen wird.

All dies führte dazu, dass viele der säkularen Muslime den Verbände misstrauen und den Eindruck haben, dass wichtige und notwendige innerislamische Diskussionen und Reformen seitens der konservativen Verbände unterbunden werden sollen.
Die Deutungshoheit über muslimische Werte und Perspektiven muslimischen Lebens in Deutschland darf weder bei extremistischen Gruppen, noch bei den konservativen muslimischen Verbänden liegen. Aus unserer Sicht kann der Abbau von Hass und Ablehnung und die Stärkung eines friedlichen Miteinanders nur dann gelingen, wenn die Debatten offen geführt werden und neben den konservativen Verbänden auch liberale und säkulare Muslime daran beteiligt werden.

Zudem können wir nicht nachvollziehen, warum aktuell die Gefährdung durch islamistische und salafistische Gruppen nicht auf der Agenda der Deutschen Islamkonferenz steht und die Workshops sich ausschließlich mit islamfeindlichen Tendenzen und islamfeindlicher Gewalt beschäftigen. Die Gefährdung durch islamistische Gruppen ist nicht minder real und muss dringend thematisiert werden.

Wir plädieren dafür, die Deutsche Islamkonferenz, der wir positiv gegenüberstehen, neu auszurichten und den Kreis der Teilnehmer zu erweitern und auch die säkularen und liberalen muslimischen Gruppen einzubinden.

Ansprechpartner

Die großen Islamverbände Ditib, ZMD und der Islamrat sind gern gesehene Dialogpartner für den Staat, die Kirchen und die Medien. Doch welche Ziele und Erwartungen knüpft man an diesen Dialog?
Die islamischen Dachverbände predigen ein konservatives Islamverständnis, ein Weltbild, in dem die Menschen in Gläubige und Ungläubige eingeteilt werden und in dem die Konfessionszugehörigkeit und nicht der Charakter darüber entscheidet, welcher Gruppe man angehört.

Auf der Seite islam.de, einer Seite des Zentralrats der Muslime, dessen bekanntester Vertreter Aiman Mazyek ist, findet man unter den FAQ beispielsweise Vorgaben für die Beziehung zu Juden und Christen. Interkonfessionelle Ehen sind nur zwischen muslimischen Männern und jüdischen oder christlichen Frauen erlaubt, und auch nur unter der Bedingung, dass die gemeinsamen Kinder Muslime sind und im Islam erzogen werden. Alle anderen Varianten interkonfessioneller Ehen gelten als haram, also religiös verboten. Weitere Verbote sind das Verbot, bei einer christlichen Eheschließung als Trauzeuge zu fungieren. Auch ist es laut ZMD einem Muslim nicht gestattet, an Beerdigungsgottesdiensten für Andersgläubige teilzunehmen. Man denke nur einmal daran, was für Konsequenzen das für Konvertiten hat.
Sehr realitätsfremd mutet auch die Forderung des ZMD an, einen eigenen Ersatzunterricht für muslimische Schüler anzubieten, damit diese die Möglichkeit haben, freitags das Gemeinschaftsgebet in der Moschee zu verrichten. Und nicht minder fragwürdig erscheinen die Erläuterungen zu der Frage, ob Muslime in einer christlichen Kirche beten dürfen, die der ZMD wie folgt beantwortet:
Wenn damit das islamische Gebet (salat) gemeint ist, so lautet die Antwort ja. Allerdings mit der Einschränkung, dass man die Kirchenbesucher nicht stört. Es ist dabei eine Frage des praktischen Anstands, dass man vorher um Erlaubnis bittet.

Ist auf dieser Basis ein friedliches und respektvolles Zusammenleben aller in Deutschland möglich? Welche praktischen Konsequenzen haben obige Darlegungen für die Integration der Muslime in die nicht-muslimische Mehrheitsgesellschaft?
Bei wohlwollender Schätzung vertreten die konservativen Verbände circa 20% aller in Deutschland lebenden Muslime. Mittlerweile haben sich liberale und säkulare Organisationen und Gruppierungen gebildet. Es gibt Reformtheologen, die neue, zeitgemäße und humanistisch geprägte Ansätze wagen.

Das, was leider in vielen muslimischen Ländern nicht möglich ist, nämlich ein freier Austausch von Meinungen, ein kritischer Diskurs, Pluralität und Neuorientierung, darf, kann und muss in Deutschland stattfinden.
Wir plädieren deswegen dafür, die liberalen und säkularen Muslime mit in den Dialog einzubinden, die Pluralität muslimischer Denkansätze darzustellen, den offenen und kritischen Diskurs zu ermöglichen. Das bietet nicht nur Chancen für die Muslime, sondern für uns alle.

Das Problem mit der islamischen Apokalypse

In einem Artikel, der am 3. Oktober 2016 in der New York Times erschien, beschreibt der türkischstämmige Journalist und Autor Mustafa Akyol, wie präsent endzeitliche Mythen heute noch in der islamischen Welt sind. Der IS hatte kürzlich auf seiner Website Dabiq ein verstörendes Bild gepostet, auf dem ein Dschihadist vor der bekannten schwarzen Flagge posiert. Darunter stand „Zerbrich das Kreuz“.

Dieser Spruch ist eine bekannte Prophezeiung, die die Endzeit einläuten wird. Sie findet sich in einigen Hadithen, also Überlieferungen Muhammads. Demnach kündigt sich der Weltuntergang durch mehrere Phänomene an, darunter auch die Ankunft des Mahdis, eines rechtgeleiteten Kalifen, der die Muslime einen und stärken wird, sowie die Rückkehr Jesu, der im Koran als Messias und das „Wort Gottes“ bezeichnet wird. Jesus wird bei seiner Rückkehr auf die Erde das Christentum aufheben und bestätigen, dass der Islam die einzig wahre Religion sei. Er wird islamischen Überlieferungen zufolge die Kreuze zerbrechen und die Schweine töten. Keine gute Nachricht also für die Christen.

Der Glaube an solche Endzeitprophezeiungen ist in der islamischen Welt nach wie vor ungebrochen. Einer Umfrage aus dem Jahr 2012 zufolge glaubt mehr als die Hälfte der Muslime aus neun muslimischen Ländern, dass die Ankunft des Mahdis unmittelbar bevorsteht, sie diese möglicherweise noch selbst erleben werden.

Eine weitere Prophezeiung betrifft die Ankunft des Dajjals, des Antichristen. So gibt es nicht wenige islamische Schreiber, die die Missstände innerhalb der islamischen Welt auf Machenschaften des Dajjals zurückzuführen. Und selbstverständlich braucht es dann auch einen von Gott gesandten Retter, der die islamische Welt aus den Fängen des Dajjals befreien wird. Bei so einer Sichtweise werden die eigentlichen Ursachen für die Missstände innerhalb der islamischen Welt völlig verkannt. Der Grund für die trostlose Lage innerhalb der islamischen Welt ist vielmehr darin zu sehen, dass sie in Sachen Wissenschaft, ökonomische Entwicklung und freiheitliche Demokratie dem Westen meilenweit hinterher hinkt.

Dabei gibt es durchaus Theologen, die der Meinung sind, dass all diese Endzeitbeschreibungen und Prophezeiungen als Metaphern zu verstehen seien. Muhammad Abduh, ein muslimischer Gelehrter des 19. Jahrhunderts z.B. versteht die Prophezeiung bezüglich einer Rückkehr Jesu als Hinweis auf eine innere Reform im Islam. Nicht Jesus würde zurückkehren, sondern seine Botschaft von Barmherzigkeit, Liebe und Frieden. Des weiteren befand er, dass konservative Muslime den Gesetzen viel zu viel Bedeutung beimaßen und dabei Spiritualität und Moral aus den Augen verloren.
Es liegt, so Mustafa Akyol, ganz bei den Menschen selbst, was sie aus den Schriften herauslesen. Aber es macht einen gewaltigen Unterschied, ob man aus den Schriften herausliest, dass man andere zerstören soll oder ob man herausliest, dass Bildung und Aufklärung das eigentliche Ziel sind.

Zusammenfassung des Artikes The Problem With the Islamic Apocalypse von Mustafa Akyol.

Mahmud Muhammad Taha: die Unterscheidung zwischen mekkanischen und medinensischen Suren

Die Unterscheidung zwischen mekkanischen und medinensischen Suren geht auf Mahmud Muhammad Taha zurück, einen sudanesischen Denker und Politiker.
Er wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in Rufa’a (Sudan) geboren und 1985 in Khartum wegen Apostasie hingerichtet.

Mahmud Muhammad Taha verfocht die Idee einer zweiten Botschaft des Islams. Kern dieser Theorie war die Unterscheidung zwischen mekkanischen und medinensischen Suren. Den mekkanischen Suren beschied er eine universelle zeitlose ethische Bedeutung, während er die medinensischen Suren für zeitbedingt und an einen konkreten historischen Kontext gebunden, nämlich die Jahre der Entstehung der ersten muslimischen Gemeinschaft in Medina, ansah.
Daraus folgerte er, dass koranische Vorschriften mit Gesetzescharakter, die das Gemeindeleben in Medina und den Umgang mit anderen Stämmen, namentlich polytheistischen, jüdischen und christlichen Stämmen, regelten, nur während der Offenbarungszeit verbindlich waren. Dies gelte insbesondere auch für die Verse, die im Zusammenhang mit konkreten kriegerischen Auseinandersetzungen stehen und zu Gewalt aufrufen.

Die medinensischen Suren fasste er unter der ersten Botschaft des Islams zusammen. Eine nicht-modifizierte Übernahme dieser Vorschriften verstößt seiner Meinung nach gegen die koranischen Tugenden von Gleichheit, Geschlechtergleichheit, Religionsfreiheit und Menschenwürde. Diese Vorschriften müssen somit im 20. Jahrhundert als überwunden betrachtet werden.
Er begründet dies unter anderem auch damit, dass das Weltbild und die Gesellschaftsstrukturen im Arabien des 7. Jahrhunderts noch sehr archaisch waren und Gewalt zur Umsetzung eigener Interessen damals als legitim angesehen wurde. Mittlerweile hat die Menschheit weit höhere moralische Standards erreicht.
Für unsere heutige moderne Zeit müsse die zweite Botschaft des Korans, also die universelle sinnstiftende Ethik der mekkanischen Suren, die Grundlage der Religion bilden. Die universellen Menschenrechte, soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit und individuelle Freiheit sollten die Ziele einer modernen muslimischen Gesellschaft sein.
Er selbst sprach sich vehement für die Freiheit des Einzelnen und für die Gleichberechtigung aller aus, insbesondere auch für die Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Stellungnahme zu den Äußerungen von Nicolaus Fest (AfD)

Mit großer Bestürzung lesen wir, dass das neuste Mitglied der AfD, Nicolaus Fest, den Islam pauschal einer totalitären Ideologie gleichstellt und unter anderem fordert, sämtliche Moscheen in Deutschland zu schließen.
So ein Ansatz ist erstens verfassungsfeindlich und zweitens höchst problematisch, da er eine konkrete Bevölkerungsgruppe massiv stigmatisiert und den Gewalttätern aus dem rechten Milieu, die für die jüngsten Brandanschläge auf Flüchtlingsheime und Übergriffe auf Muslime verantwortlich sind, eine geistige Grundlage bietet.
Wir verurteilen die Äußerungen von Nicolaus Fest als höchst islamfeindlich und hetzerisch.
Es gibt in der Tat auch innerhalb der muslimischen Community Missstände, doch können diese nur auf sachliche Art und Weise und im respektvollen Dialog angegangen und überwunden werden.
Das Ziel von Kritik muss die Korrektur und Überwindung von Missständen sein und darf nicht die Abschaffung des Islams sein.

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