Der Islam braucht eine kritikfähige Renaissance

Süddeutsche Zeitung, 20. Januar 2015

Der Islam braucht eine kritikfähige Renaissance

Das Phänomen der Gewalt zieht sich durch die ganze Frühgeschichte des Islam. Die historischen Wurzeln der Grausamkeit werden jedoch von vielen Muslimen verschwiegen. Ein Prozess kritisch-reflektierender Aufklärung ist nötig.
Von Abdel-Hakim Ourghi

Am 18. Januar 1985 wurde der sudanesische Mystiker Mahmud Taha im Alter von 75 Jahren vor Tausenden Zuschauern gehängt. Die Anklage des Obersten Gerichts des Sudan lautete „Apostasie“. Die Empörung darüber war in der westlichen Welt einvernehmlich. Muslimische Gelehrte hingegen beglückwünschten die Machthaber im Sudan zur Exekution des „Ketzers“ und „Gottesfeindes“.

Taha hatte es gewagt, in seinem Werk „Die zweite Botschaft des Islam“ einen Teil des Korantextes zu kritisieren. Seines Erachtens gilt nur der in Mekka 610 bis 622 offenbarte Koran als zeitlos, weil er universal sinnstiftende Lehren im ethischen Sinne beinhaltet. Die von Muhammad als Staatsmann einer irdischen Gemeinde in Medina 622 bis 632 verkündeten Koranstellen seien hingegen nur im historischen Kontext zu begreifen. Indirekt thematisierte er so auch eines der Tabuthemen des innerislamischen Diskurses, nämlich das Phänomen der Gewalt in der Gemeinde des Propheten, das bis heute Extremisten als Legitimationsgrundlage dient.

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Liberale Muslime „Die Sinnkrise des Islam ist hausgemacht“

Braucht der Islam in Deutschland eine grundlegende Reform? Müssen Muslime mehr Selbstkritik üben? Der Theologe Abdel-Hakim Ourghi wirft den muslimischen Verbänden kolossale Verdrängung vor: „Der Islam ist therapiebedürftig.“

SPIEGEL ONLINE: In der „Freiburger Deklaration“ fordern Sie mit anderen liberalen Muslimen eine grundlegende Reform des Islam. Wie soll die aussehen?

Ourghi: Wir müssen die kanonischen Quellen – den Koran und das Leben des Propheten – reflektiert verstehen und zeitgemäß interpretieren. Wir leben in einem westlichen Kontext, also sollten wir versuchen, anhand der Vernunft die islamische Identität kritisch infrage zu stellen und uns damit im Rahmen einer Islamreform auseinanderzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Sie träumen von einem humanistischen, säkularen Islam. Braucht Ihre Religion eine Phase der Aufklärung?

Ourghi: Ja, und zwar dringend. Wir müssen uns doch nur die Realität ansehen: Der Islam befindet sich in einer Sinnkrise, in einem pathologischen Zustand. Diese Sinnkrise ist hausgemacht und bedarf eines Therapieprozesses auf Basis der Aufklärung. Wir Muslime müssen eine mutige und ehrliche innerislamische Debatte führen, um uns aus der historischen Unmündigkeit zu befreien. Befreien auch von Wissenstraditionen und menschengemachtem patriarchalischem Ballast. Ohne Tabus, Denkverbote und Dogmen. Nur so können wir Anschluss an die Moderne finden

SPIEGEL: „Die Sinnkrise des Islams ist hausgemacht“

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