Archiv der Kategorie: Freiburger Deklaration

Mahmud Muhammad Taha: die Unterscheidung zwischen mekkanischen und medinensischen Suren

Die Unterscheidung zwischen mekkanischen und medinensischen Suren geht auf Mahmud Muhammad Taha zurück, einen sudanesischen Denker und Politiker.
Er wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in Rufa’a (Sudan) geboren und 1985 in Khartum wegen Apostasie hingerichtet.

Mahmud Muhammad Taha verfocht die Idee einer zweiten Botschaft des Islams. Kern dieser Theorie war die Unterscheidung zwischen mekkanischen und medinensischen Suren. Den mekkanischen Suren beschied er eine universelle zeitlose ethische Bedeutung, während er die medinensischen Suren für zeitbedingt und an einen konkreten historischen Kontext gebunden, nämlich die Jahre der Entstehung der ersten muslimischen Gemeinschaft in Medina, ansah.
Daraus folgerte er, dass koranische Vorschriften mit Gesetzescharakter, die das Gemeindeleben in Medina und den Umgang mit anderen Stämmen, namentlich polytheistischen, jüdischen und christlichen Stämmen, regelten, nur während der Offenbarungszeit verbindlich waren. Dies gelte insbesondere auch für die Verse, die im Zusammenhang mit konkreten kriegerischen Auseinandersetzungen stehen und zu Gewalt aufrufen.

Die medinensischen Suren fasste er unter der ersten Botschaft des Islams zusammen. Eine nicht-modifizierte Übernahme dieser Vorschriften verstößt seiner Meinung nach gegen die koranischen Tugenden von Gleichheit, Geschlechtergleichheit, Religionsfreiheit und Menschenwürde. Diese Vorschriften müssen somit im 20. Jahrhundert als überwunden betrachtet werden.
Er begründet dies unter anderem auch damit, dass das Weltbild und die Gesellschaftsstrukturen im Arabien des 7. Jahrhunderts noch sehr archaisch waren und Gewalt zur Umsetzung eigener Interessen damals als legitim angesehen wurde. Mittlerweile hat die Menschheit weit höhere moralische Standards erreicht.
Für unsere heutige moderne Zeit müsse die zweite Botschaft des Korans, also die universelle sinnstiftende Ethik der mekkanischen Suren, die Grundlage der Religion bilden. Die universellen Menschenrechte, soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit und individuelle Freiheit sollten die Ziele einer modernen muslimischen Gesellschaft sein.
Er selbst sprach sich vehement für die Freiheit des Einzelnen und für die Gleichberechtigung aller aus, insbesondere auch für die Gleichberechtigung von Mann und Frau.

„Der Islam ist mehr als Burka und Burkini“

Gespräch mit Mimoun Azizi, Psychiater und Politikwissenschaftler

Hessenschau, 3.Oktober 2016

Mimoun Azizi: Wir wollen eine Alternative aufzeigen. Wir wollen zeigen, dass es Muslime gibt, für die Religion Privatsache ist. Wir gehen davon aus, dass achtzig Prozent der Muslime in Deutschland sich nicht durch DITIB oder den Zentralrat der Muslime in Deutschland repräsentiert fühlen. Und wir wollen der deutschen Gesellschaft zeigen, dass der Islam sehr wohl in Deutschland zuhause sein kann, dass er sehr wohl friedlich ist, dass er Homosexuelle akzeptiert, dass er sehr wohl in der Frage von Schwangerschaftsabbrüchen einen liberalen Standpunkt vertreten kann oder dass er bei der Jugendarbeit auf Selbstbestimmung junger Menschen statt auf autoritäre Bevormundung ankommt.
hessenschau.de: Wie wollen Sie diese Ziele erreichen?
Mimoun Azizi: Wir wollen erreichen, dass bestimmte Einrichtungen und Politiker auf Ebene der Kommunen, der Länder oder des Bundes mit uns reden und ihnen zeigen, dass sie andere Ansprechpartner haben. Sie sollen uns als Gegenbewegung zu den konservativen Verbänden wahrnehmen. Wir wollen zeigen, dass der Islam nicht nur Radikalismus ist, er ist nicht nur „Islamischer Staat“, er ist nicht nur Burka oder Burkini. Wir wollen neugierig machen, dass möglichst viele sagen: schauen wir mal, was es an anderen Positionen im Islam gibt.
„Der Islam ist mehr als Burka und Burkini“

Liberale Muslime „Die Sinnkrise des Islam ist hausgemacht“

Braucht der Islam in Deutschland eine grundlegende Reform? Müssen Muslime mehr Selbstkritik üben? Der Theologe Abdel-Hakim Ourghi wirft den muslimischen Verbänden kolossale Verdrängung vor: „Der Islam ist therapiebedürftig.“

SPIEGEL ONLINE: In der „Freiburger Deklaration“ fordern Sie mit anderen liberalen Muslimen eine grundlegende Reform des Islam. Wie soll die aussehen?

Ourghi: Wir müssen die kanonischen Quellen – den Koran und das Leben des Propheten – reflektiert verstehen und zeitgemäß interpretieren. Wir leben in einem westlichen Kontext, also sollten wir versuchen, anhand der Vernunft die islamische Identität kritisch infrage zu stellen und uns damit im Rahmen einer Islamreform auseinanderzusetzen.

SPIEGEL ONLINE: Sie träumen von einem humanistischen, säkularen Islam. Braucht Ihre Religion eine Phase der Aufklärung?

Ourghi: Ja, und zwar dringend. Wir müssen uns doch nur die Realität ansehen: Der Islam befindet sich in einer Sinnkrise, in einem pathologischen Zustand. Diese Sinnkrise ist hausgemacht und bedarf eines Therapieprozesses auf Basis der Aufklärung. Wir Muslime müssen eine mutige und ehrliche innerislamische Debatte führen, um uns aus der historischen Unmündigkeit zu befreien. Befreien auch von Wissenstraditionen und menschengemachtem patriarchalischem Ballast. Ohne Tabus, Denkverbote und Dogmen. Nur so können wir Anschluss an die Moderne finden

SPIEGEL: „Die Sinnkrise des Islams ist hausgemacht“