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Säkularismus ist ein Muss!

Ein Gespräch mit Elham Manea

Sehr geehrte Frau Manea, könnten Sie unseren Lesern erläutern, wie ein moderner Ansatz in der islamischen Theologie aus Ihrer Sicht aussehen könnte?

Manea: “Islam, d.h. Religion ist das, was man aus Ihr macht!”

Das habe ich einmal in einem Interview gesagt. Und daran glaube ich noch bis heute. Ich kenne viele Menschen, für die der Islam ein Bestandteil ihres Lebens ist, und für die drn Islam eine Botschaft des Friedens und der Liebe ist. Sie sind gläubig und üben diesen Glauben mit Liebe und Frieden gegen andere Menschen aus. Sie bilden keine Gefahr für ihre Gesellschaft, im Gegenteil, sie sind eine Bereicherung für diese Gesellschaft. Ich kenne viele Menschen, Männer und Frauen, die genau so sind.

Mit anderen Worten, so wie diese Religion in einer Weise ausgelegt wird, die jeglicher Liebe und Rationalität entbehrt, könnte man auch eine andere Auslegung entwickeln, die ihre besten Seiten herausstreicht – das heißt Rationalität, Liebe und das alles umfasst.

Ich will allerdings betonen, dass dies nur die eine Seite der Medaille ist.

Ich habe mich bewusst dafür entschieden, diese positiven Aspekte des Islam zu betrachten, obwohl ich sehr wohl weiß, dass es andere, negative Seiten dieser Religion gibt, die genau das Gegenteil von dem sagen, was ich soeben dargelegt habe. Es gibt auch Verse im Koran, die zum Mord an Ungläubigen aufrufen, „wo immer ihr sie findet“.

Auf individueller Basis kann ich entscheiden, mit welcher Seite der Religion ich mich beschäftigen will, wenn ich mich nun eingehender mit meiner Religion beschäftige. Und das gilt eigentlich für viele Muslime, die hier in der Schweiz leben. Aber, eine solche Herangehensweise mag für mich und sie persönlich ausreichen, für einen Reformprozess genügt sie jedoch nicht. Das sollte man nicht vergessen.

Auf den nächsten Seiten werde ich über diesen Reformprozess sprechen. Ich vertrete die Meinung, dass eine ernsthafte Reform des Islams nicht einen einfachen Weg wählen darf. Ich schlage vor, stattdessen das Konzept eines humanistischen Islams, der auf der Annahme basiert, dass alle Religionen Veränderungen unterworfen sind, zu wählen. Menschen haben sich die Religionen angeeignet und sie umgewandelt, und alle Religionen müssen oder mussten reformiert werden – manche mehr als andere. Dazu werde ich die vier Komponenten des Konzepts eines humanistischen Islams darstellen.

Zunächst werde ich mit dem einfachen Weg der Reform anfangen.

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Wenn wir uns auf die positiven Seiten einer Religion beschränken und ihre problematischen Aspekte ignorieren, kann das in die Irre führen. Denn wenn ich solche Aspekte einfach ignoriere, wird ein anderer sich ihrer bemächtigen und sie für seine (oder ihre) politischen Absichten nutzen. Wollen wir einen Erneuerungsprozess in Angriff nehmen, der dieses Wort verdient, sollten wir nicht den leichten Weg wählen.

Der leichte Weg bestünde darin, zu behaupten, dass das Problem des Islam mit den betreffenden Menschen selbst, den Muslimen, zu tun hat, die diese Religion nicht verstehen. Dabei wird die Religion als intakt und kohärent dargestellt, als etwas, das es anhand moderner Auslegungen neu zu entdecken gelte. Hierfür sei lediglich erforderlich, das Igtihad-Prinzip zu reaktivieren, das heißt, „die Methode der islamischen Jurisprudenz in der Fallbehandlung, die das ,Aufbringen‘ des eigenen Verstandes bezeichnet.“

Dieser Argumentation zufolge müssen die Muslime sich neu mit ihrer Religion auseinandersetzen und die darin enthaltene Botschaft von ihren eigenen Traditionen und patriarchalischen Strukturen trennen.

Eine andere Argumentation, die dem leichten Weg den Reformprozess anzugehen, zuzurechnen ist, manifestiert sich in der Behauptung, das Problem des Islam habe mit den Muslimen selbst zu tun hat, die nicht „muslimisch genug“ seien. Das war die Argumentation der ersten Islamisten, wie Hassan al-Banna, Gründer der Muslimbrüder, und es war die Argumentation, die man sich bei der Reislamisierung der arabischen Gesellschaften zunutze machte. Dieser Argumentation zufolge braucht der Islam nicht reformiert zu werden. Die Religion ist da, rein und unumstößlich, und es ist die Pflicht der Muslime, zu ihren puritanischen Vorschriften und Lehren zurückzukehren und sich genau
an ihre Rituale zu halten.

Ein ernstzunehmender Reformprozess wird diese beiden leichten Wege meiden. Denn folgt man ihnen, so bewahrt man den Statusquo: der erste versieht den Islam mit einem „Make-up“, das ihn zu verschönern sucht, und der zweite begnügt sich mit seinem natürlichen Gesicht, ja er tut alles, um sein uranfängliches Aussehen zu betonen.

Eine ernstzunehmende Reform des Islams sollte das geistige Gefüge, mit deren Hilfe wir uns dieser Religion nähern, neu einschätzen und neu prüfen – auf rationale Weise, aber mit Liebe. Sie wird die Religion respektvoll behandeln, aber nicht davor zurückschrecken, schwierige Fragen zu stellen und Antworten darauf zu suchen, und sie wird sich dabei immer bewusst sein, dass vieles von der Religion, die wir von unseren Vorfahren geerbt haben, von Menschen angepasst und verwandelt wurde. Es ist diese menschliche Natur der Religion und der heiligen Texte, die ich hier hinterfragen will.

Warum brauchen wir einen humanistischen Islam?

Kennen Sie eine Religion, die von ihrem Anbeginn an eine klare Vision von den Menschenrechten hatte, wie wir sie heute verstehen? Ich nicht. Kennen Sie eine Religion, die von Anbeginn an Frauen gleichberechtigt behandelte oder gleiche Rechte für beide Geschlechter innerhalb der Familie forderte? Alle Religionen strebten, was die familiären Belange anging, eine Art der Beziehung an, in der die Ehefrau dem Ehemann zu gehorchen hatte. Und das gilt für den Islam, das Christentum, das Judentum und den Hinduismus. Die Liste ließe sich ergänzen.

Ich habe hier nicht die Absicht, mit dem Finger auf andere Religionen zu zeigen. Ich stelle nur eines fest: Das Ziel der Religionen – jeder einzelnen Religion – war stets einfach: eine Vision zu bieten, wie man sich Gott in einem ganz bestimmten historischen Augenblick nähern konnte; die Menschenrechte, wie wir sie heute verstehen, waren nicht ihr Anliegen, obwohl jede Religion ihr Bestes versuchte, um den Benachteiligten das Leben zu erleichtern. Letztlich wäre es merkwürdig, zu erwarten, dass die Religionen bereits in der Zeit ihrer Entstehung jene klare Vision von Menschlichkeit boten, die erst Mitte des 20. Jahrhunderts vollständig entwickelt wurde.

Diese Auffassung von Religion machte mir klar, dass viele der Fragen, die ich mir über meine eigene Religion stellte, auch für andere Religionen galten – wiederum für manche mehr als für andere. Und wenn das der Fall war, warum sollte ich dann zu einer anderen Religion konvertieren? Arbeite an dem, was du hast, nimm nicht hin, was deinen Sinn für Humanität oder Würde verletzt, und denke differenziert. Das war meine Schlussfolgerung.

Ein humanistischer Islam basiert auf der Annahme, dass jede Religion von den Menschen geprägt wird, die sich ihre Lehren angeeignet und sie verbreitet haben; und als solche spiegelt sie die Überzeugungen, Traditionen und das Weltbild dieser Menschen wider, und – was am wichtigsten ist – sie spiegelt die historischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Gesellschaft wider, der sie entstammte.

Das sollte keinesfalls vergessen werden, wenn wir eine Reform des Islam in Angriff nehmen wollen. Denn vieles von dem, was wir als Bestandteil der islamischen Lehren betrachten, ist von der Geschichte geprägt. Ein gutes Beispiel ist die beharrliche Behauptung der Islamisten, eine wahrhaft muslimische Gesellschaft solle körperliche Bestrafungen durchführen, zum Beispiel einem Dieb die Hand abschneiden. In Wahrheit spiegeln solche Strafen lediglich die Auffassungen von Strafe wider, wie sie im 7. Jahrhundert v. Chr. üblich waren. Sie sind weder heilig noch göttlich, sondern Mittel zur Bestrafung, die vor 14 Jahrhunderten zum Einsatz kamen. Und so wie wir keine Kamele mehr benutzen, um von einem Land zum anderen zu reisen, sondern Flugzeuge und Autos, können wir uns von solchen Auffassungen lösen, indem wir konstatieren, dass es grausam ist, einem Dieb die Hand abzuschneiden.
Und ganz sicher wird es Menschen nicht davon abhalten, erneut zu stehlen.

Eine Gefängnisstrafe und anschließende Resozialisierung gelten heute als geeignete und moderne Mittel der Bestrafung. Aus demselben Grund hebt man bei dieser Herangehensweise an den Islam hervor, dass religiöse Lehren in ihrer Umsetzung stets den historischen Zeitpunkt reflektieren, an dem die jeweilige Gesellschaft stand. Die Tatsache, dass die Steinigung zur jüdischen Tradition gehört, war für den Staat Israel kein Grund, sie als legitimes Bestrafungsmittel in sein Rechtssystem aufzunehmen. Saudi- Arabien und der Iran hingegen haben genau dies getan, trotz der Tatsache, dass diese Art körperlicher Bestrafung im Koran an keiner Stelle erwähnt wird.

Wenn ich hier auf das Menschliche in den Religionen zu sprechen komme, so will ich damit nicht ihre himmlische oder göttliche Natur in Abrede stellen. Eine Religion hat einen Kern – nennen wir ihn das Herzstück –, der bestrebt ist, die Wirklichkeit zum Besseren zu verändern, was bedeutet, dass er im Wesentlichen darum bemüht ist, eine gerechte Welt für die Menschen zu schaffen; überdies ermöglicht er den Menschen, mit Gott – wie sie ihn begreifen – in Verbindung zu treten. Tatsächlich ermöglicht er uns, mit dem Gott in uns selbst in Verbindung zu treten. Es ist dieses Herzstück, das ich als göttlich erachte. Es ist dieses Herzstück, das eine Botschaft in sich trägt, die die Zeiten überdauert.

Der Ursprung dieses Kerns wird unterschiedlich gedeutet. Aber ob er die göttliche Offenbarung eines höheren Wesens ist, also eine Inspiration, oder der Intuition eines Philosophen entstammt – Tatsache ist, dass dieser Kern stets nach dem Guten strebt. Sein Ziel besteht nicht darin, den Menschen mit seinen Lehren zu ersticken, sondern vielmehr, dazu beizutragen, dass diese Welt zu einem besseren Ort zu leben wird. Ziel ist also das Wohlergehen des Menschen. Gemäß dieser Auffassung ist Religion wie ein Samen: Nachdem man ihn in die Erde gepflanzt hat, sollte man ihn wässern, nähren und sorgsam pflegen, damit er wächst und zu einem blühenden Baum wird.

Es ist sinnvoll, für die Religion dieses Bild eines Baumes zu verwenden. Denn die Art und Weise, wie der Islam heute praktiziert wird, vermittelt den Eindruck, dass Religion in Stein gemeißelt wurde – einen Stein, der weder angerührt noch verändert werden kann. Ich betone, dass man nur dann den Weg für eine Reform des Islam ebnen kann, wenn man die Religion als etwas Organisches sieht, als etwas, das wachsen und gedeihen kann.

Ich habe immer wieder den Ausdruck „Reform des Islam“ verwendet. Ich verwende ihn bewusst, direkt und ohne Umschweife, um nicht in eine Falle zu gehen und irrtümlich zu behaupten, das Problem des heutigen Islam habe nur mit dem Reislamisierungsprozess zu tun, der in vielen arabischen und islamischen Staaten stattfindet, einem Prozess, der auf einer rigiden und kompromisslosen Interpretation des Islam beruht. Denn konzentriert man sich nur auf diesen Prozess, der durch politische und wirtschaftliche Faktoren verursacht wurde, und hält man ihn für den Kern des Problems, so führt dies gedanklich in die Irre. Damit lässt man die Ursachen des Problems außer Acht.

Tatsache ist, dass es ganz bestimmte wichtige Themen in der islamischen Religion gibt, die überdacht und reformiert werden sollten. Die Schwierigkeit, vor der wir heute stehen, hat viel mit unserer Unfähigkeit oder auch dem Unwillen zu tun, uns mit dieser problematischen Seite eingehend zu befassen. Damit dies gelingt, das heißt, damit ein Reformprozess in Gang kommt, müssen wir die Dinge unmissverständlich beim Namen nennen, rational und differenziert an die Kernthemen herangehen und Mut, viel Mut aufbringen, um zum Zentrum des Problems vorzudringen. Und wir brauchen Liebe, um diese Aufgabe gut bewältigen
zu können.

Wiederum glaube ich, dass die Idee von einem humanistischen Islam eine Weise ist, an diese Aufgabe heranzugehen. Sie akzeptiert die Vielfalt innerhalb der islamischen Tradition, versucht, eine ideologische Alternative zu den wichtigsten Eckpunkten des politischen Islam zu bieten und betont, dass es unerlässlich ist, die Kernthemen anzupacken, die in der islamischen Tradition bewältigt werden sollten. Die Religionsfreiheit ist eines dieser Themen.

Das Konzept eines humanistischen Islam

Ein humanistischer Islam ist eine bestimmte Herangehensweise – eine Herangehensweise an Religion und Leben. Er erhebt nicht den Anspruch, die einzig wahre Manifestation von irgendetwas zu sein. Er ist nur ein Rahmen. Sein Ziel ist es, eine Alternative zur Weltanschauung der Islamisten zu bieten, die behaupten, ihr Islam sei der einzig gültige. Die Botschaft eines humanistischen Islam setzt sich aus vier Komponenten zusammen: Die erste betrifft das Thema Identität. Sicherlich ist Ihnen aufgefallen, dass die „islamische Identität“ der Kern der Botschaft der Islamisten ist. „Wir sind in erster Linie Muslime.“ Manche Jugendliche, die in Europa und in den arabischen Gesellschaften leben und aus verschiedenen Gründen desorientiert sind, finden Trost in einer solchen Identität. Ich nenne sie die „Weglauf-Identität“. Im Gegensatz dazu schlage ich eine „humanistische Identität“ vor. Die Identität hat immer ganz praktische Auswirkungen auf das tägliche Leben.
Vielleicht das Beispiel, wie ich mich selbst wahr nehme, kann diese Überlegung veranschaulichen.

Nun, ich betrachte mich selbst als ein Individuum mit mehreren Identitäten. Die erste dieser Identitäten ist einfach und unkompliziert: Ich bin Humanistin. Und ich sage das nicht etwa, weil es gut klingt. Ich glaube daran. Das heißt, ich glaube, dass das Wohl des Menschen das letztendliche Ziel sein muss. Und ich glaube, dass es universelle Werte gibt, die in jeder Rasse, Hautfarbe, Kultur und Religion Gültigkeit besitzen. Ich glaube weiter, dass diese Werte es mir erlauben, dem Menschen, der mit mir spricht, in die Augen zu sehen – ungeachtet seiner Identität – und etwas sehr Wertvolles zu sehen, ist etwas, das ich hoch schätze.

Die zweite dieser Identitäten ist mehr kulturell bedingt: Ich bin Araberin. Vielleicht haben Sie erwartet, dass ich sage: Ich bin Jemenitin. Das ist ebenfalls eine korrekte Behauptung. Ich bin mit der jemenitischen Nationalität geboren. Aber dies beschreibt wiederum nicht ganz zutreffend, wer ich bin. Als Tochter eines jemenitischen Diplomaten bin ich mit meiner Familie viel in der Welt herumgereist. Ich habe in zahlreichen arabischen, islamischen und auch westlichen Ländern gelebt. Dank dieser Erfahrungen habe ich erkannt, dass Menschen in vielerlei Hinsicht ähnlich sind. Ihre Lebensstile, Gebräuche und Wertvorstellungen mögen unterschiedlich sein, doch letztlich lieben sie alle, hassen, haben ihre Sorgen und ganz sicherlich auch ihre Vorurteile. Meine Erfahrungen ermöglichen mir darüber hinaus, herauszufinden, inwiefern sich die arabischen Länder voneinander unterscheiden.
Der Jemen ist nicht Ägypten, und Ägypten ist nicht Marokko, und Marokko wiederum ist nicht Kuwait oder Syrien oder Oman usw. Aber so sehr sie sich auch voneinander unterscheiden – etwas verbindet sie alle: eine äußerst facettenreiche Sprache, eine hoch stehende Kultur und Zivilisation. Diese arabische Identität stellt die zweite „Schicht“ dessen dar, was ich bin. Ich genieße sie in der Literatur, die ich lese, in der Musik, die ich höre, und sicherlich in dem Essen, das ich genüsslich zubereite.

Nun kommt eine dritte Schicht, die meine religiöse Wahl betrifft: Ich bin Muslimin. Von den bereits genannten ist dies die persönlichste Schicht. Hier erlebe ich meine Spiritualität, und hier fühle ich, dass ich eine Seele habe; es ist der Gegensatz zum Materiellen, zum Körperlichen. Aber sie umfasst nicht mein ganzes Wesen; sie ist nicht „die eine Identität“.

Und schlussendlich – vielleicht haben Sie gedacht, ich erwähne es nicht, aber doch, ja, ich bin eine Frau! Und möglicherweise ist das die wirklich entscheidende Identität unter allen oben genannten. Es ist die Linse, durch die ich die Welt sehe. Als Frau, die in vielen Ländern des Nahen Ostens gelebt hat und in einigen umfangreiche Forschungsarbeiten durchgeführt hat, beschäftigte ich mich mit dem Thema Menschenrechte, Frauenrechte und damit, wie meine Religion aus unterschiedlichen Perspektiven heraus interpretiert wird. Wäre ich ein Mann, hätte ich vielleicht eine andere Herangehensweise an die arabische Gesetzgebung oder an die Religion. Vielleicht würde ich dann gar nicht die Ansicht vertreten, dass Reformen nottun. Die Gesetze bevorzugen den Mann, insbesondere in familiären Angelegenheiten, und die landläufige religiöse Interpretation von heute vermittelt die Botschaft, dass der Islam eine männliche Domäne ist. Daher ist die Tatsache, dass ich eine Frau bin, die eine Schicht meiner Identität, die meine Wahrnehmung aller bereits erwähnten Elemente meiner Person prägt.

Ich bin ein komplexes Wesen. Ich hoffe, dass Sie das mittlerweile erkannt haben. Wenn Sie mich auf meine religiösen Überzeugungen reduzieren, so entgeht Ihnen die Gesamtheit meiner Persönlichkeit.

Wenn Sie mich Muslimin nennen, sehen Sie nicht wirklich mich.

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Ich habe mich entschieden, Araberin zu sein. Aber ich habe dies ganz bewusst zur zweiten Schicht meiner Identität bestimmt. Eingangs dieses Buches habe ich die verschiedenen Schichten meiner Identität bestimmt. Die erste dieser Identitäten besagt, dass ich Humanistin bin, die zweite, dass ich Araberin bin, die dritte betrifft eine religiöse Wahl. Und immer bin ich Frau. Warum habe ich beschlossen, in erster Linie Humanistin zu sein? Warum sagte ich nicht, dass ich in erster Linie Araberin oder in erster Linie Muslimin bin? Weil Humanistin zu sein die eine Identität ist, in der alles enthalten ist – sie eint uns. Sie trennt Menschen nicht voneinander und ordnet sie nicht in Kategorien ein. Für sie ist unwichtig, welches Blut in unseren Adern fließt, und nur das, was wir tun, hat Bedeutung. Was wir tun, ist ausschlaggebend dafür, was wir sind.

Ethnische Zugehörigkeit, Hautfarbe, Religion, Geschlecht – all das sind Kategorien, die herangezogen wurden, um Menschen zu trennen, und nicht, um sie zu vereinen. Mit Ausnahme der Religion, die auf einer Wahl beruht, sind die anderen Merkmale – ethnische Zugehörigkeit, Hautfarbe und Geschlecht – natürliche Kategorien. Ich bin als Frau geboren, ich habe mir nicht ausgesucht, Frau zu sein. Aber im jemenitischen Staat werde ich durch die Gesetzgebung diskriminiert, weil ich eine Frau bin. Dieser Staat bestraft mich dafür, dass ich das bin, als was ich geboren wurde – eine Frau.

Die menschliche Identität nimmt alle diese Unterschiede, die den Menschen aufgezwungen werden, und stellt sie beiseite. Ja, Sie können eine Frau sein, Sie können schwarz sein, Sie können Deutsche türkischer Abstammung sein, Sie können Jüdin sein, aber Sie sind alle gleichberechtigt. Sie sind alle gleichberechtigt, weil Sie alle Menschen sind – eine Identität eint uns alle, die Identität der Liebe.

Diese Überlegung ist dann nicht mehr bloß philosophisch, wenn wir sie im politischen Kontext anwenden. Ich bin in erster Linie Mensch und nicht in erster Linie Muslimin. Zuerst Mensch! Und das heißt im Klartext: Wenn ich vor der Wahl zwischen beidem stehe, ist ganz klar, für welchen Teil ich Partei ergreife – für die menschliche Identität. Wenn jemand zu mir kommt und mir sagt, dass meine Religion mir befiehlt, andere zu hassen, dann werde ich ihm antworten: „Hass ist das Böse“ und „Gott predigt den Hass nicht!“ Wenn derselbe Mensch mir sagt, ich solle im Namen meiner Religion töten, dann werde ich zum Telefon greifen und die Polizei verständigen.

Hier ist die Entscheidung ebenso eindeutig wie einfach.

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Die zweite, dritte und vierte Komponente des humanistische Islam bieten mehr als nur eine Alternative zu den Anschauungen der Islamisten. Bei ihnen geht es um die Kernthemen der islamischen Religion, die im Laufe der islamischen Geschichte aus verschiedenen Gründen außer Acht gelassen wurden. Die zweite Komponente stellt klar, für welche Art Religion ich mich entscheide: für eine, die auf den Grundsätzen von Wahlfreiheit und Rationalität beruht.

So wie der Gott, den ich in mein Leben bringe, sich von dem unterscheidet, den man mich in der Schule lehrte, so ist die Religion des Islam, an den ich glaube, an bestimmte Bedingungen geknüpft, nämlich Wahlfreiheit und Rationalität. Nur auf der Basis dieser beiden Grundsätze kann ich glauben.

Der erste Grundsatz beinhaltet die Überzeugung, dass eine Religion – jede Religion – die Entscheidung des Menschen respektieren und das Wohl dieses Menschen zum obersten Ziel erklären sollte. Der Mensch ist frei geboren; frei, ein Leben zu wählen, das er führen möchte; und frei, seine Religion zu wählen. Und für diese Freiheit trägt er selbst die Verantwortung. Sie ist aber auch sein Recht. Ein Naturrecht, auf das er aufgrund der bloßen Tatsache Anspruch hat, dass er als Mensch geboren ist.

Die Religion, wie sie heute in vielen islamischen Gesellschaften – und insbesondere in den arabischen Gesellschaften – ausgeübt wird, glaubt nicht, dass der Mensch das Recht auf die Freiheit der Wahl hat. Menschen, die sich entscheiden, vom Islam zu einer anderen Religion zu konvertieren, werden nicht toleriert. Sie werden verfolgt, inhaftiert und gedemütigt. Und in manchen Ländern werden sie hingerichtet, wenn sie nicht „bereuen“ und auf den „richtigen
Weg“ zurückkehren. Der Islam, wie er heute auftritt, muss noch dahin kommen, dass er begreift: Eine Religion hat nicht das Recht, Menschen für ihr Recht, das zu glauben, was sie wollen, zu bestrafen. Eine ernsthafte Reform des Islam sollte mit diesem Grundsatz der Wahlfreiheit beginnen und ihn zu ihrem ideologischen Herzstück machen. Sie sollte den Menschen und sein Wohl an die erste Stelle setzen. Sie sollte den Menschen als ein Wesen betrachten, das frei ist, seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Für diese Freiheit trägt der Mensch selbst die Verantwortung; sie ist daher sein Recht, ein Naturrecht.

Der zweite Grundsatz, auf den ich mein Konzept eines menschlichen Islam gründe, ist Rationalität. Mit Rationalität ist hier gemeint, dass diese Art der Auslegung nicht nur erfordert, dass man die religiösen Texte innerhalb ihres historischen Kontextes interpretiert sowie sorgsam und kritisch prüft, wie die religiösen Texte zustande kamen und überliefert wurden. Es braucht es noch mehr, nämlich, dass die Koranlehren und die Vorschriften der Scharia nicht mehr angewandt werden, wenn sie gegen die Menschenrechte verstoßen, wie wir sie heute verstehen – als Bürgerrechte oder Geschlechtergleichheit.120 Auch an dieser Stelle möchte ich ausdrücklich erklären, dass ich trotz dieser Auffassung Muslimin bleiben werde.

Der humanistische Ansatz erfordert, dass wir zwischen zwei Ebenen der islamischen Religion unterscheiden: a) einer spirituellen Seite, die eine Verbindung zwischen dem Individuum und Gott herzustellen sucht, und b) einer legalistischen und Scharia-Seite, deren Vorschriften ernsthaft überprüft und in Frage gestellt werden sollten. Oft ist es diese legalistische Scharia-Seite der Religion, in der die Muslime festgefahren zu sein scheinen. Es ist, als wären sie in einer bestimmten historischen Periode steckengeblieben und innerlich gelähmt, als seien sie unfähig, sich davon zu lösen und ins 21. Jahrhundert aufzubrechen. Sie haben immer dieselben Denkmuster und Argumentationen verwendet, wenn es um die wichtigste Frage ging, die sie vor langer Zeit schon hätten thematisieren müssen: Was ist die Natur des Koran? Stellen wir diese Frage, so führt uns das zu der Erörterung der dritten Komponente eines menschlichen Islam: der Aufhebung von Denkverbote

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Die dritte Komponente betrifft mein Recht als Mensch, der den Islam als seine Religion betrachtet, mich mit den „verbotenen Bereichen des Denkens“ zu beschäftigen. Über die menschliche und historische Natur religiöser Schriften zu sprechen, ist beispielsweise ein solcher verbotener Denkbereich. Die Tatsache, dass ich diese Bereiche „betrete“, schließt mich nicht von meinem islamischen Glauben aus. Ja, selbst dann, wenn ich das Wesen des Koran in Frage stelle, bin ich noch immer Muslimin.

Sieht man sich genauer an, wie in der(n) islamischen Welt(en) Ideen erzeugt werden, insbesondere, wenn es um Themen geht, die für den Islam von zentraler Bedeutung sind, dann begreifen wir, dass jedes intellektuelle Unterfangen prinzipiell durch „verbotene Denkbereiche“ und „sicheren Grenzen des Denkens“ eingeschränkt wird. Eine humanistische Auslegung des Islam erfordert jedoch, dass wir nicht an die Existenz verbotener Denkbereiche glauben noch uns darauf beschränken, innerhalb der sicheren Grenzen des Denkens zu bleiben.

So ist beispielsweise die Frage, wie die Koranverse gesammelt wurden und welche Rolle der Prophet und seine Weggefährten dabei spielten, ein verbotener Denkbereich. Zu behaupten, dass die Rolle der Menschen nur darin bestand, den Koran als „Gottes ureigenstes Wort“ zu schützen, würde bedeuten, auf sicherem Terrain zu bleiben. Aber wenn Sie es wagen, die „menschliche Natur“ des Koran zu erörtern, überschreiten Sie eine Grenze und stoßen in einen gefährlichen Denkbereich vor – etwas, das Ihr Leben in Gefahr bringen kann.

Das Vorhandensein von Denkverboten und die damit verknüpften Ängste sind symbolisch für die Unfähigkeit der Muslime, die Basis für eine Aufklärungsbewegung zu schaffen. Wie sollten sie auch, wenn ihnen ständig der Tod als Bestrafung droht? Obwohl ein humanistischer Islam sich der Ängste bewusst ist, die mit dem Betreten der verbotenen Denkbereiche verbunden sind, akzeptiert er die Einschränkung des Denkens nicht. Er verlangt, dass alles, auch die heiligen Texte, einer Kritik und Untersuchung unterworfen werden muss.
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Ich möchte Ihnen nun meine Antwort auf die zuvor gestellte Frage geben: Was ist das Wesen des Koran? Ich denke, dass der Koran menschlicher Natur ist, dass der Prophet Mohammed einen Großteil der Koranverse entwarf und dass diese Verse danach von Menschen gesammelt wurden, die sie aufschrieben. Daher sind die gesellschaftlichen und historischen Zusammenhänge des 7. Jahrhunderts, in dem Mohammed lebte, in vielen Koransuren erkennbar. Der Koran als solcher kann nicht von seinem historischen Kontext getrennt werden. Indem ich das sage, stelle ich die strenggläubige Annahme in Frage, die immer wieder in islamischen und arabischen Schulen und Universitätsstudienplänen, in den Medien und in öffentlichen Diskursen vertreten wird, nämlich, dass die Verse des Koran wortwörtlich von Gott gesagt wurden. Diese Überzeugung ist in unserem Bewusstsein so fest verankert, dass es Brauch geworden ist zu sagen „Gott sagt – Qaal Allahu Ta’ala“, bevor man einen Koranvers rezitiert. Stellt man die Frage: „Wann haben wir eigentlich begonnen, diese Redewendung zu verwenden?“, erntet man erstaunte Blicke. Die Wendung „Gott sagt“ stellt alles, was danach gesagt wird, in den Kontext des Heiligen. Wer würde wagen, etwas abzustreiten, was Gott gesagt hat? Die Koranverse in Frage zu stellen, ihren Inhalt genau zu untersuchen und kritisch zu hinterfragen, ist jedoch genau das, was wir tun müssen, wenn wir eine wirksame Reform des Islam in Angriff nehmen wollen. Wie lässt sich beispielsweise die Tatsache erklären, dass der Koran die Sklaverei niemals verurteilte? Zwar ermuntern einige Koranverse die Muslime dazu, Sklaven zu befreien, aber die Praxis selbst wurde niemals in Frage gestellt. Betrachten wir das Thema im historischen Kontext, so stoßen wir auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Realitäten von Mekka und Medina, wo der Prophet im 7. Jahrhundert lebte. Sklaverei und der Handel mit Sklaven waren wichtige Einkommensquellen für arabische Stämme. Mohammed hatte bereits eine andere Einkommensquelle von Mekka geschwächt, indem er den Monotheismus propagierte und Mekka damit einen Teil seiner bisherigen Bedeutung als Wallfahrtsort nahm – waren dort doch außer der Ka’aba auch die Götterstatuen der verschiedenen Stämme versammelt. Hätte er auch noch die Sklaverei angeprangert, so hätte dies die arabischen Stämme gegen seine neue Religion aufgebracht und diejenigen vertrieben, die er am meisten benötigte. Dies erklärt, warum das Thema Sklaverei im Koran weitgehend ausgespart bleibt. Aber es erklären bedeutet nicht, es zu akzeptieren. Hier liegen die Grenzen der Religion. Wenn ich die betreffenden Verse lese, sehe ich deswegen auch keine relevante universelle Botschaft in ihnen, noch finde ich spirituellen Trost darin. Offen gestanden irritieren sie mich. Ich sehe die menschliche Seite in diesen Versen, nicht die des Göttlichen.

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Sehen Sie, worauf ich hinaus will, indem ich die sicheren Grenzen des Denkens verlasse, denen zufolge „Gott den Koran geschützt hat“, und stattdessen in die verbotenen Denkbereiche eintrete und frage „Was ist die Natur des Korans?“ Ein humanistischer Islam berücksichtigt diese menschliche Natur des Koran. Denn sie stärkt nur die fundamentalen Annahmen, die der humanistischen Auslegung der Religion zugrunde liegen. Habe ich nicht zu Beginn des zweiten Teils gesagt, dass ein humanistischer Islam die Meinung vertritt, dass der Zweck der Religionen, darin besteht, eine Vision zu bieten, wie man sich Gott zu einem bestimmten geschichtlichen Zeitpunkt nähern kann? Die Religionen versuchten, die Gesellschaft, an die sie sich wandten, zum Besseren zu ändern – wenn auch in den Grenzen ihrer historischen Rahmenbedingungen. Darüber hinaus sagte ich, dass diese Auffassung davon ausgeht, dass Religionen von den Menschen geprägt wurden, die ihre Lehren annahmen und verbreiteten, und als solche die Überzeugungen, Traditionen und Weltbilder dieser Menschen widerspiegeln, und – was am wichtigsten ist – die historischen und gesellschaftlichen Bedingungen der Gesellschaften erkennbar machen, denen sie entstammen. Der Islam bildet da sicherlich keine Ausnahme. Welche Konsequenzen hat eine solche Schlussfolgerung? Wenn ich sage, dass es Menschen waren, die den Koran in der Form schufen, die wir heute haben, bedeutet das dann, dass a) ich keine Muslimin mehr bin? und b) ich auch meinen Glauben verloren habe?

Bin ich also keine Muslimin mehr? Wenn Sie nur wüssten, wie mir vor dieser Frage graut. Das hat nicht nur mit der Furcht zu tun, wegen meiner Ansichten verfolgt zu werden. Wie ich schon an anderer Stelle sagte, haben viele Menschen in den arabischen und islamischen Gesellschaften das Gefühl, sie würden ständig von „Feinden“ ins Visier genommen. Sie haben den Eindruck, ihre Religion werde angegriffen und solle zerstört werden. Die heftigen Reaktionen auf die in westlichen Zeitungen veröffentlichten Mohammed-Karikaturen – auch wenn sie ganz eindeutig von Islamisten und arabischen Staaten für politische Zwecke instrumentalisiert wurden – brachten zum Ausdruck, wie tief dieses Gefühl im öffentlichen Bewusstsein verankert ist. Ist es also klug von mir, mich zu einem so heiklen Zeitpunkt mit diesem Thema zu beschäftigen? Bin ich verantwortungslos, wenn ich es tue? Und ist es wirklich nötig, dieses Tabu zu brechen? Ich denke, die Antwort ist einfach, denn wenn man es unterlässt, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, wird es zu keiner echten Reform des Islam kommen. Ist es nicht unglaublich, dass arabische und muslimische Wissenschaftler noch immer dieselben Fragen über die Stellung der Frauen, die Bedeutung der Scharia und körperliche Bestrafung wie vor anderthalb Jahrhunderten stellen? Ist das nicht symptomatisch? Immer dieselben Fragen werden wiederholt und erörtert, und mit den Antworten wird stets der Status quo aufrechterhalten. Die Unfähigkeit, sie zu lösen, ist verbunden mit dem Unwillen, sich mit der Natur des Koran zu beschäftigen. Der Koran wurde so behandelt, als sei er gleichbedeutend mit Gott. Als würden wir, wenn wir es wagten, die Natur des Korans in Frage zu stellen, auch unseren Glauben an Gott in Frage stellen, und gleichzeitig auch noch unsere Ablehnung des Islam aussprechen. In diesem Sinne ist der Koran die Kirche des Islam. Mit dem Koran müssen wir uns befassen, wenn es uns gelingen soll, die Religion vom Staat zu trennen. Aber wir können uns nicht nur hinter Universitätsmauern damit befassen.

Die Diskussion sollte auch in die Öffentlichkeit hineingetragen werden. Sie sollte bekannt gemacht werden. Eine wahre Reform kann nur erfolgen, wenn die Öffentlichkeit mit einbezogen wird. Eine wahre Reform sollte die Intelligenz der Menschen respektieren und sie wie Erwachsene behandeln, nicht wie Kinder, die vor einer „schädlichen Information“ geschützt werden sollten. Ja, sie sollte bekannt gemacht werden – und zwar jetzt, weil es nie eine ideale Zeit geben wird, um dieses Thema zu erörtern. Es wird immer schmerzlich sein. Ich breche dieses Tabu nicht um des Zerstörens willen, noch tue ich es, um meine Ablehnung des Islam zu bekunden. Ich versuche lediglich zu sagen: „Es ist möglich, Muslimin zu bleiben und dennoch den Koran als einen Text zu begreifen, der von unterschiedlichen Menschen geschrieben und zusammengetragen wurde. Er ist ein Text, den ich respektiere und mit Ehrfurcht behandle. Er ist meine Tradition. Aber ich sehe sein menschliches Wesen, und daher sehe ich auch seine Grenzen, wenn es darum geht, die Gesellschaft im 21. Jahrhundert zu regeln. Aber mein Glaube dreht sich nicht um den Koran, und daher wird er durch meine Schlussfolgerung über dessen Natur auch nicht erschüttert.

Mein Glaube gründet auf meinem Glauben an Gott selbst.“

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Die vierte Komponente des humanistischen Islam hat mit einem Kernthema zu tun, das, wenn es ernsthaft angegangen wird, meiner Ansicht nach die Zukunft der arabischen Welt ändern könnte: die Geschlechterfrage im Islam. Aus gutem Grund will ich hier ausdrücklich erklären, dass eine Frau ein Mensch ist. Sie ist vor Gott genauso ein Mensch wie ein Mann es ist und sollte ihm daher auch vor dem Gesetz gleichgestellt sein. Denn oft behauptet die strenggläubige Interpretation des Islam zwar, eine Frau sei einem Mann vor Gott gleichgestellt, lässt jedoch die Frage nach der Gleichberechtigung vor dem Gesetz außer Acht. In der Realität ist eine Frau, dieser Deutung des Islam zufolge, einem Mann in ihren Rechten nicht gleichgestellt – insbesondere im Bereich der Familie.

Eine humanistische Auslegung des Islam hingegen will das Denkverbot aufbrechen, mit dem das Thema Frauenrechte belegt ist. Sie geht davon aus, dass es kontraproduktiv ist, zu behaupten, der Islam sei nicht das Problem, weil dadurch das Argument auf eine defensive Ebene gehoben wird. Verteidigt man eine „Idee“, ist es schwierig, das Problem beim Namen zu nennen und rational anzugehen. Er beharrt darauf, dass eine echte Reform des Islam die Grenzen der religiösen Texte anerkennen muss. Sie muss darüber hinaus zugestehen, dass die religiösen Texte in ihrem historischen Kontext gesehen werden und daher nicht mehr relevant sein können, wenn es darum geht, die Belange von Familie und Staat im 21. Jahrhundert zu regeln. Mit anderen Worten, eine humanistische Islam-Auslegung spricht sich für die Trennung von Staat und Religion aus. Damit diese Trennung erfolgreich bewerkstelligt werden kann, ist wiederum eine Auseinandersetzung mit dem Koran erforderlich. Ganz offenkundig können die religiösen Texte nur bedingt Lösungen aufzeigen, wenn es um das Thema Frauenrechte geht. Mein besonderes Augenmerk gilt den Passagen in den Koranversen, wo es um die Stellung der Frau im täglichen Leben geht. Denn während der Koran in Vers 40.40 Frauen und Männer im Hinblick auf das Leben nach dem Tod gleichstellt, benachteiligt er in Bezug auf das gesellschaftliche Leben im Diesseits die Frauen und begünstigt die Männer. Diese Diskrepanz tritt ganz offenkundig in den Versen zutage, die die familiären Beziehungen, die sexuellen Beziehungen in der Ehe, Erbschaften und Zeugenaussagen regeln; hier wird ganz deutlich, dass es tatsächlich klare Widersprüche zwischen den Vorschriften des Koran und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 (und dem Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau gibt Nein. Will man das Problem von einer humanistischen Islamdeutung aus angehen, so darf man zur Regelung der familiären Beziehungen den Koran nicht mehr als Referenz heranziehen und muss ihn durch das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau ersetzen, das gerechte Leitlinien für die Gleichheit zwischen den Geschlechtern in Familie und Gesellschaft bietet.

Das erfordert – ich wiederhole es – dass wir zwischen zwei Ebenen der islamischen Religion unterscheiden: einer spirituellen Seite, die nach einer Verbindung zwischen dem Individuum und Gott strebt, auf die sich der Glaube gründet; und einer legalistischen und Scharia-Seite, deren Vorschriften in Frage gestellt werden sollten. Es erfordert ebenso die Trennung zwischen dem Koran und dem Staat.

Säkularismus ist ein Muss!

Quelle: Elham Manea (2010), Ich will nicht mehr schweigen: Der Islam, der Westen und die Menschenrechte, Freiburg: Herder Verlag.

Zur Autorin:
Elham Manea ist eine jemenitisch-schweizerische Politologin und Autorin, die sich für einen humanistischen Islam stark macht.
Mehr Infos zu ihr unter: http://elham-manea.com/