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Die Deutungshoheit über den Islam in Deutschland nicht einzelnen Verbänden überlassen

Stellungnahme der Säkularen Muslime zur Pressemitteilung des Bundesministeriums des Inneren (BMI) vom 24.10.2016

Angesichts des wachsenden rechtsmotivierten Fremden- und Islamhasses und daraus resultierender Gewalttaten auf der einen Seite und extremistischer islamistischer Gewalt auf der anderen Seite sehen wir die dringende Notwendigkeit für eine offene und kritische gesellschaftliche Debatte.
Die Bemühungen seitens des Staates, die Muslime im Rahmen der Deutschen Islamkonferenz bei der Lösung sicherheitsrelevanter Fragen einzubinden, unterstützen wir.
Wir möchten aber an dieser Stelle unser großes Bedauern darüber zum Ausdruck bringen, dass der Staat diese Fragen mit muslimischen Partnern bespricht, die in jüngster Zeit ins Kreuzfeuer der Kritik geraten sind.

Zur Erinnerung:
Die Türkisch-Islamische Union Ditib hat die Integrationsbeauftragte und SPD-Politikerin Aydan Özoğuz kurzfristig vom Fastenbrechen ausgeladen, nachdem sie für die Armenien-Resolution gestimmt hatte.
In der Türkei wurde im Auftrag der türkischen Religionsbehörde Diyanet, der die Ditib direkt unterstellt ist, ein Comic für Kinder veröffentlicht, das den Märtyrertod verherrlicht.
Im Jahr 2013 veröffentlichte der Koordinationsrat der Muslime (KRM), zu dessen Mitgliedern die Ditib, der Zentralrat der Muslime in Deutschland und der Islamrat gehören, ein Gutachten, in dem die Universität Münster aufgefordert wird, Schritte zur Absetzung eines Professors für islamische Religionspädagogik, der für seine reformtheologischen Ansätze bekannt ist, einzuleiten.
Mehrere Moscheegemeinden der Ditib machten durch antisemitische und homophobe Äußerungen auf sich aufmerksam.
Die Verflechtungen der muslimischen Verbände mit Staaten und Gruppen aus dem islamischen Raum machen deutlich, dass über die Verbände Einfluss von außerhalb Deutschlands auf die Gestaltung des muslimischen Lebens in Deutschland genommen wird.

All dies führte dazu, dass viele der säkularen Muslime den Verbände misstrauen und den Eindruck haben, dass wichtige und notwendige innerislamische Diskussionen und Reformen seitens der konservativen Verbände unterbunden werden sollen.
Die Deutungshoheit über muslimische Werte und Perspektiven muslimischen Lebens in Deutschland darf weder bei extremistischen Gruppen, noch bei den konservativen muslimischen Verbänden liegen. Aus unserer Sicht kann der Abbau von Hass und Ablehnung und die Stärkung eines friedlichen Miteinanders nur dann gelingen, wenn die Debatten offen geführt werden und neben den konservativen Verbänden auch liberale und säkulare Muslime daran beteiligt werden.

Zudem können wir nicht nachvollziehen, warum aktuell die Gefährdung durch islamistische und salafistische Gruppen nicht auf der Agenda der Deutschen Islamkonferenz steht und die Workshops sich ausschließlich mit islamfeindlichen Tendenzen und islamfeindlicher Gewalt beschäftigen. Die Gefährdung durch islamistische Gruppen ist nicht minder real und muss dringend thematisiert werden.

Wir plädieren dafür, die Deutsche Islamkonferenz, der wir positiv gegenüberstehen, neu auszurichten und den Kreis der Teilnehmer zu erweitern und auch die säkularen und liberalen muslimischen Gruppen einzubinden.

Ansprechpartner

Die großen Islamverbände Ditib, ZMD und der Islamrat sind gern gesehene Dialogpartner für den Staat, die Kirchen und die Medien. Doch welche Ziele und Erwartungen knüpft man an diesen Dialog?
Die islamischen Dachverbände predigen ein konservatives Islamverständnis, ein Weltbild, in dem die Menschen in Gläubige und Ungläubige eingeteilt werden und in dem die Konfessionszugehörigkeit und nicht der Charakter darüber entscheidet, welcher Gruppe man angehört.

Auf der Seite islam.de, einer Seite des Zentralrats der Muslime, dessen bekanntester Vertreter Aiman Mazyek ist, findet man unter den FAQ beispielsweise Vorgaben für die Beziehung zu Juden und Christen. Interkonfessionelle Ehen sind nur zwischen muslimischen Männern und jüdischen oder christlichen Frauen erlaubt, und auch nur unter der Bedingung, dass die gemeinsamen Kinder Muslime sind und im Islam erzogen werden. Alle anderen Varianten interkonfessioneller Ehen gelten als haram, also religiös verboten. Weitere Verbote sind das Verbot, bei einer christlichen Eheschließung als Trauzeuge zu fungieren. Auch ist es laut ZMD einem Muslim nicht gestattet, an Beerdigungsgottesdiensten für Andersgläubige teilzunehmen. Man denke nur einmal daran, was für Konsequenzen das für Konvertiten hat.
Sehr realitätsfremd mutet auch die Forderung des ZMD an, einen eigenen Ersatzunterricht für muslimische Schüler anzubieten, damit diese die Möglichkeit haben, freitags das Gemeinschaftsgebet in der Moschee zu verrichten. Und nicht minder fragwürdig erscheinen die Erläuterungen zu der Frage, ob Muslime in einer christlichen Kirche beten dürfen, die der ZMD wie folgt beantwortet:
Wenn damit das islamische Gebet (salat) gemeint ist, so lautet die Antwort ja. Allerdings mit der Einschränkung, dass man die Kirchenbesucher nicht stört. Es ist dabei eine Frage des praktischen Anstands, dass man vorher um Erlaubnis bittet.

Ist auf dieser Basis ein friedliches und respektvolles Zusammenleben aller in Deutschland möglich? Welche praktischen Konsequenzen haben obige Darlegungen für die Integration der Muslime in die nicht-muslimische Mehrheitsgesellschaft?
Bei wohlwollender Schätzung vertreten die konservativen Verbände circa 20% aller in Deutschland lebenden Muslime. Mittlerweile haben sich liberale und säkulare Organisationen und Gruppierungen gebildet. Es gibt Reformtheologen, die neue, zeitgemäße und humanistisch geprägte Ansätze wagen.

Das, was leider in vielen muslimischen Ländern nicht möglich ist, nämlich ein freier Austausch von Meinungen, ein kritischer Diskurs, Pluralität und Neuorientierung, darf, kann und muss in Deutschland stattfinden.
Wir plädieren deswegen dafür, die liberalen und säkularen Muslime mit in den Dialog einzubinden, die Pluralität muslimischer Denkansätze darzustellen, den offenen und kritischen Diskurs zu ermöglichen. Das bietet nicht nur Chancen für die Muslime, sondern für uns alle.

„Der Islam ist mehr als Burka und Burkini“

Gespräch mit Mimoun Azizi, Psychiater und Politikwissenschaftler

Hessenschau, 3.Oktober 2016

Mimoun Azizi: Wir wollen eine Alternative aufzeigen. Wir wollen zeigen, dass es Muslime gibt, für die Religion Privatsache ist. Wir gehen davon aus, dass achtzig Prozent der Muslime in Deutschland sich nicht durch DITIB oder den Zentralrat der Muslime in Deutschland repräsentiert fühlen. Und wir wollen der deutschen Gesellschaft zeigen, dass der Islam sehr wohl in Deutschland zuhause sein kann, dass er sehr wohl friedlich ist, dass er Homosexuelle akzeptiert, dass er sehr wohl in der Frage von Schwangerschaftsabbrüchen einen liberalen Standpunkt vertreten kann oder dass er bei der Jugendarbeit auf Selbstbestimmung junger Menschen statt auf autoritäre Bevormundung ankommt.
hessenschau.de: Wie wollen Sie diese Ziele erreichen?
Mimoun Azizi: Wir wollen erreichen, dass bestimmte Einrichtungen und Politiker auf Ebene der Kommunen, der Länder oder des Bundes mit uns reden und ihnen zeigen, dass sie andere Ansprechpartner haben. Sie sollen uns als Gegenbewegung zu den konservativen Verbänden wahrnehmen. Wir wollen zeigen, dass der Islam nicht nur Radikalismus ist, er ist nicht nur „Islamischer Staat“, er ist nicht nur Burka oder Burkini. Wir wollen neugierig machen, dass möglichst viele sagen: schauen wir mal, was es an anderen Positionen im Islam gibt.
„Der Islam ist mehr als Burka und Burkini“