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Der Islam braucht eine intelligente Reform

Soheib Bencheikh zufolge liegen die Ursachen für den Niedergang der muslimischen Welt vorrangig in falschen Wahrnehmungen. So wenig wie der Islam schuld am Niedergang sei, so wenig sei das Christentum verantwortlich für den Vorsprung des Westens.
Die wahre Ursache für den Niedergang der muslimischen Welt sieht er in der Negierung der Moderne durch die Muslime. Anstatt den Blick nach vorne zu richten, verklären sie die islamische Geschichte und halten daran fest, dass nur der Islam allein Zivilisatorisches hervorbringen kann. Diese Sichtweise ist tragischerweise noch an eine Theologie gekoppelt, die starr geworden ist, sodass wir heute einen Zustand erreicht haben, der die Muslime gänzlich der Realität entfremdet hat.
In den Köpfen der Muslime lebt eine mythische Vergangenheit weiter, eine imaginäre Stadt, die es vielleicht so wie sie in den Köpfen der Menschen präsent ist, nie gegeben hat. Die arabischen Muslime können sich nicht eingestehen, dass diese Epoche der Geschichte vorüber ist.

Es ist höchste Zeit, sich der eigenen Vergangenheit auf wissenschaftliche und kritische Weise zu nähern. Die Theologie hat sich selbst versklavt, indem sie Dogmen nicht mehr hinterfragt, sondern von Generation zu Generation unkritisch weitergibt. Bencheikh vergleicht das mit der vierzigjährigen Odyssee der Israeliten durch den Sinai. Als Moses das gelobte Land erobern wollte, gelang ihm dies nicht, da sein Volk nur die Sklaverei kennengelernt hatte. Sie irrten vierzig Jahre durch die Wüste und eine neue Generation wurde geboren. Eine Generation, die das Leben in der Wüste frei und mutig gemacht hatte. Erst mit diesem Volk aus Freien, das weder König noch Despoten kannte, war die Eroberung des Gelobten Landes möglich.
Die heutigen Muslime scheuen die Auseinandersetzung mit anderen Wahrheiten und das Infragestellen der eigenen Wahrheit. Doch damit beweisen sie nur ihre eigene Schwäche, denn nur in der Auseinandersetzung mit anderen Wahrheiten und Herausforderungen lässt sich erkennen, wie stabil die eigenen Überzeugungen sind. In Algerien z.B. werden an islamischen Fakultäten viele Halbwahrheiten und Vorurteile über Juden und Christen verbreitet. Das Ziel ist es, die eigene islamische Wahrheit als die bessere und überlegene darzustellen. Die Zivilisation ist aber eine menschliche Zivilisation. Sie ist weder westlich, noch orientalisch. Sie ist weder islamisch, noch jüdisch, noch christlich. Sie ist universell. Alle Völker und alle Religionen haben daran ihren Anteil. Die Muslime hingegen, die bemüht sind, den Anschluss an die Moderne zu finden, müssen nicht zwangsläufig eine “eigene” Aufklärung erleben, eine “eigene” Renaissance, einen “eigenen” Kampf um Säkularismus. Die Menschheit kennt nur eine einzige Geschichte. An dieser sind und waren alle beteiligt.
Den Fortschritt, moralischer und materieller Art, gibt es heute im Westen, ob uns das nun passt oder nicht. Aber das, was als Fortschritt bezeichnet wird, ist nichts Zufälliges. Der Fortschritt ist das Ergebnis einer Aufeinanderfolge von Zivilisationen und einer Zusammenführung von menschlichen Erfahrungen, auch denen der muslimischen Zivilisation. Die Muslime jedoch stellen dieser westlichen Zivilisation immer wieder die eigene islamische gegenüber. Und genau das ist falsch. Der Westen setzt dem nicht seine eigene Identität gegenüber, sondern ein Konzept, einen Raum, in dem sich alle Identitäten wiederfinden, sich aneinander reiben, sich gegenseitig inspirieren können. Das Verhältnis zwischen Okzident und Orient basiert also nicht auf einer Logik von Eroberung und Rückeroberung oder einem Spannungsverhältnis von Christentum und Islam. Deswegen kämpfen Muslime letztendlich für eine Sache, die es nicht gibt und gegen einen Feind, der nicht existiert.
Eine Reform des Islams könnte auf folgendem Vers basieren:

17:9 Gewiß, dieser Qur’an leitet zu dem, was besser ist.

Der Korantext ist immer in einer Bewegung. Er strebt ein ethisches und ästhetisches Ziel an und ist somit relativ und kontextabhängig. Er leitet jedes Volk zu seinem eigenen Besten, aber er leitet nicht die Franzosen oder Engländer von heute zu den besten Arabern der arabischen Halbinsel des 7. Jahrhunderts.

Soheib Bencheikh ist ein französischer islamischer Theologe und Autor. Er gilt als progressiv und Verfechter des französischen Laizismus. Von 1995 bis 2005 war er Mufti von Marseille.

Zusammenfassung des Artikels „L’islam a besoin d’une réforme intelligente“, der am 26. April 2016 in der algerischen Zeitung L’Expression erschienen ist.
http://www.lexpressiondz.com/actualite/240392-l-islam-a-besoin-d-une-reforme-intelligente.html